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„Beleidigung der Opfer“

Dresdner Neueste Nachrichten
22.05.2009 – „Beleidigung der Opfer“

Algimantas Dailide, Nummer 7 der meistgesuchten Nazi-Täter, lebt im Erzgebirge

Kirchberg. Der Fall Demjanjuk sorgt weltweit für Schlagzeilen. Er ist die Nummer eins auf der vom Simon-Wiesenthal-Zentrum herausgegebenen Fahndungsliste für Nazi-Kriegsverbrecher und wurde vor einigen Tagen von den USA nach Deutschland ausgeliefert. Im erzgebirgischen Kirchberg lebt seit Ende 2003 ein Mann, der unter den inzwischen greisen Helfershelfern des Holocausts auf Listenplatz sieben steht: Algimantas Dailide. Der Umgang mit Schuld und Sühne ist nicht nur für den gebürtigen Litauer schwer.
Von ANDREAS DEBSKI
Man müsste eigentlich Mitleid mit Algimantas Dailide haben. Auf dem getäfelten Stubentisch stapeln sich die Medikamentenschachteln, die der 87-Jährige zum Überleben braucht. Im Januar ist nach 64 Jahren Ehe seine Frau gestorben, die er bis zu ihrem Krebstod in der engen Drei-Raum-Wohnung vis-a-vis vom historischen Kirchberger Rathaus pflegte. Die deutsche Sprache kommt ihm nur schwer über die Lippen. Und die Rentenversicherung weigert sich, für ihn zu zahlen. Algimantas Dailide ist ein alter, einsamer Mann. Nicht verbittert, aber gebrochen. Er ist allein in dem Land, das die Heimat seiner Ehefrau war – und das ihn als mutmaßlichen NS-Kriegsverbrecher seit seiner Ausbürgerung aus den USA mit einer befristeten Aufenthaltsgenehmigung duldet.
„Der Grund, weshalb wir ihn auf die Meist-Gesuchten-Liste gesetzt haben, ist, dass wir seine Verurteilung ermöglichen wollen, um Aufmerksamkeit auf den Fall zu lenken“, erklärt Efraim Zuroff, Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem. Die unermüdlichen Aufklärer der NS-Verbrechen wollen die letzten noch lebenden, für die Gräueltaten des Dritten Reiches Verantwortlichen der Justiz übergeben. Dass Dailide heute unbehelligt in Deutschland leben darf, bezeichnet Zuroff als einen „Hohn der Gerechtigkeit“ und als „Beleidigung der Opfer“.
Nicht zuletzt, weil es ein ordentliches Urteil aus Litauen gebe, nach dem das ehemalige Mitglied der litauischen Sicherheitspolizei Saugumas für fünf Jahre hinter Gitter muss. „Er wird beschuldigt, Juden, die in der Lage waren, das Ghetto zu verlassen, verhaftet und sie an die Deutschen und ihre litauischen Kollaborateure ausgeliefert zu haben“, stellt Zuroff klar. Konkret geht es um 14 Juden, deren Namen bekannt sind. Ein Vorwurf, den Dailide, der nur selten laut wird, kategorisch zurückweist: „Ich war in einer Abteilung, die für Kommunisten und Untergrundbewegungen zuständig war. Mit Juden hatte ich nichts zu tun – außer, wenn es sich um Kommunisten handelte.“ Wie Michael MacQueen in dem Band „Holocaust in Litauen“ allerdings nachweist, war die Sicherheitspolizei nach Gestapo-Vorbild organisiert und die Kommunisten-Abteilung durchaus auch für Juden mit zuständig.
Als junger Mann, mit 19 Jahren, hatte sich Dailide 1941 freiwillig zum Staatsdienst gemeldet. Drei Monate zuvor war er im damals sowjetisch besetzten Litauen vom Gymnasium geflogen, weil sein Zimmergenosse in einer Kneipe ein Anti-Stalin-Lied gesungen hatte. Dailide erzählt, dass er natürlich Geld verdienen musste, und dass mit der deutschen Besatzung im Nachbarhaus des litauischen Nachrichtendienstes in Vilnius die Gestapo eingezogen sei. „Wir hatten selbst Angst vor der SS und der Gestapo. Die hatten das Sagen. Ich war damals kein Nazi – und bin es auch heute nicht.“
Als sich das politische Blatt 1944 wieder wendet, flieht Dailide vor der Roten Armee mit seiner Familie nach Deutschland. Im ostthüringischen Greiz lernt er seine spätere Frau kennen, arbeitet in bayerischen Flüchtlingslagern, weil die Sowjets auch nach Thüringen gekommen waren, wandert schließlich Anfang 1950 nach Amerika aus. Dabei verschweigt er stets seine Arbeit bei der Sicherheitspolizei: „Freunde warnten mich, dass ich das nicht sagen sollte. Ich habe nach dem Krieg Hunderte gesehen, die verhaftet wurden. Davor hatte ich Angst.“
Bis Mitte der 90er Jahre in Litauen die Archive zugänglich werden, lebt Dailide – wie John Demjanjuk – in Ohio, als Immobilienmakler. Weil er bei der Einwanderung falsche Angaben gemacht hat sowie aufgrund seiner Verstrickungen in Vilnius entziehen die USA ihm die Staatsbürgerschaft. In einer Petition an den damaligen Justizminister John Ashcroft geißelt Dailides Anwalt daraufhin unter anderem die Kollektivhaftung, in die sein Mandant genommen werde. Mit seiner Frau geht er zurück nach Deutschland, beide erinnern sich an eine Cousine, die sie nach der deutschen Wiedervereinigung im erzgebirgischen Kirchberg besucht hatten. Inzwischen sind jegliche Verwandte in Deutschland gestorben. Der 87-Jährige sitzt heute allein mit den vielen Kopien, die seine Unschuld beweisen sollen, auf der Eckcouch. Seine beiden Söhne versorgen ihn ab und an mit Nachrichten aus den USA.
Seit Dailides Übersiedelung sind aber auch die deutschen Behörden nicht untätig gewesen. So hat sich die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg des Falles angenommen. Das Fazit von Vize-Chef Joachim Riedel: „Herr Dailide steht nicht in der Prioritätenliste unseres Hauses.“ Riedel stellt außerdem klar, auf die Meistgesuchten-Liste angesprochen, dass „Herr Zuroff nicht immer nach Maßstäben der Justiz urteilt“. In Ludwigsburg verfolge man außerdem eine diskrete Arbeit, die wie im Fall Demjanjuk durchaus zum Erfolg führe. Momentan ermittele die Behörde in den USA gegen weitere mutmaßliche Nazi-Täter.
Auch die Staatsanwaltschaft Zwickau, in deren Zuständigkeit der Fall Dailide seit dessen Ankunft in Sachsen gehört, hat sich des mutmaßlichen Nazi-Verbrechers angenommen. Allerdings ohne ihn je vernommen zu haben. Ermittelt wurde wegen Beihilfe zum Mord, unter anderem äußerst zaghaft in Israel und mit Hilfe des Internationalen Roten Kreuzes. „Es ist nur nachweisbar, dass Herr Dailide Mitglied der Sicherheitspolizei und an Festnahmen von Juden aus dem Ghetto beteiligt war“, sagt Antje Dietsch von der Staatsanwaltschaft. Das reiche aber nicht für eine Anklage. „Die Tat ist unserer Ansicht nach so marginal, dass es nichts bringt, dem weiter nachzugehen.“ Der Fall scheint in Zwickau also abgehakt.
Im Gegensatz dazu hat Litauen dem ehemaligen Sicherheitspolizisten bereits im Jahr 2006 den Prozess gemacht, auf dessen Urteilsvollstreckung Efraim Zuroff vom Simon-Wiesenthal-Zentrum dringt. „Er hat nie seine Strafe verbüßt. Er wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, doch die Richter weigerten sich, diese zu vollziehen“, kritisiert Zuroff. Im Juli 2008 stellt das Berufungsgericht in Vilnius, das Dailide selbst angerufen hatte, dazu fest: Er war zwar in Verbrechen gegen die Menschlichkeit verwickelt und sei symbolisch schuldig, muss aber keine juristische Verantwortung dafür tragen – weil sein Gesundheitszustand dies nicht erlaube und außerdem keine Gefahr mehr von ihm ausgehe.
„Das ist nicht überraschend, angesichts der Tatsache, wie widerstrebend sich die Litauer mit ihrer eigenen Komplizenschaft an den Verbrechen des Holocausts auseinandersetzen“, sagt Zuroff. Genau deshalb stehe Dailide auf der Fahndungsliste, obwohl sein Aufenthaltsort seit Jahren bekannt ist. Auch Thomas Walter ist mit den Behörden in Vilnius und Zwickau unzufrieden. „Wenn man in der EU vergleichbare Maßstäbe will, muss Litauen tätig werden“, fordert Walter, der in der deutschen Zentralstelle in den vergangenen 14 Monaten den Fall Demjanjuk aufgerollt hat. Der Gesundheitszustand von Dailide lasse dies – auch im Vergleich zu Demjanjuk, der für den Tod von fast 30 000 Juden verantwortlich sein soll – durchaus zu. Zugleich zählt Walter die Staatsanwaltschaft Zwickau an: „Es gibt Möglichkeiten, zum Beispiel die Archivrecherche in Litauen, die nicht genutzt wurden.“
In Kirchberg ist Dailide, inzwischen wieder mit einem Pass seines Heimatlandes ausgestattet, längst kein Unbekannter mehr. Für die meisten ist er der nette, einsame Opa von nebenan. „Ich kenne ihn aus den vergangenen fünf Jahren – das zählt für mich. Alles Andere ist Geschichte“, erklärt eine Nachbarin. Mehrmals in der Woche quält sich der 87-Jährige die steile Gasse hinab zum Einkaufszentrum des Städtchens und mit einer vollen Tasche wieder hinauf. Der alte Mann isst nur Frisches, kein Fett, keine Wurst, keine Fertigprodukte, trinkt keinen Alkohol. Mahlzeiten gibt es nur zweimal täglich zu festgelegten Zeiten. Algimantas Dailide hat Angst vor Krankheiten, Angst vor dem Tod. Welche Schuld er tatsächlich auf sich geladen hat, wird sich wohl nie aufklären lassen. Zumindest nicht durch Staatsanwaltschaften.