Proteste in Mittenwald

Dort, wo Gäste im „Fremdenzimmer“ wohnen
(Alexa Anders und Paul Harnisch für den AK „Mörder unter uns!“)

Die Gemeinde Mittenwald – an der österreichischen Grenze – war auch in diesem Jahr wieder Schauplatz des alljährlich stattfindenden „Gebirgsjägertreffen“. Auf der unsäglichen Veranstaltung wird der mörderischen Traditionslinie gehuldigt, die ihr schlimmstes Ausmaß im Nationalsozialismus zeigte. Aufgrund der Proteste in den vergangenen Jahren, lud der „Kameradenkreis der Gebirgsjäger“ jedoch bereits zwei Wochen vor dem Pfingstwochenende zum Treffen von Bundeswehrsoldaten, Wehrmachts- und SS-Veteranen. 500 Gäste nahmen daran teil, lauschten dem Gebirgsmusikkorps der Bundeswehr und verschiedenen Reden, die sicherlich vom heldenhaften Soldatentum, von Ehre und Gedenken an die gefallenen Kameraden handelten, jedoch keinesfalls von den Kriegsverbrechen und Massakern die deutsche Gebirgsjäger im Zweiten Weltkrieg zum Beispiel in Griechenland, Italien oder Frankreich begingen.

Deshalb gab es auch an diesem Pfingstwochenende wieder eine Protestaktion, die etwa 200 Gäste anlockte. Es sollte die letzte Aktion in dieser Form sein, wie im diesjährigen Aufruf des „AK Angreifbare Traditionspflege“ zu lesen war: „Im Mittelpunkt werden gemeinsam mit Überlebenden die Erinnerung an die NS-Opfer und die Verbrechen der Täter stehen. Wir wollen damit den Teil der Kampagne abschließen, der sich gegen die Brendtenfeier und die Vertuschung der Verbrechen richtet. Mit dem Denkmal für die Bevölkerung Mittenwalds werden wir einen „Stein des Anstoßes“ im Ort der Täter schaffen, in dem sich die das Gedenken an die Opfer deutscher Kriegsverbrechen und deren Forderung nach Entschädigung manifestiert.“ (http://www.keine-ruhe.org/node/109)

Zeitzeugen berichten.
Los ging das ganztägige Protestprogramm am Morgen auf dem Bahnhofsvorplatz in Mittenwald mit einer Zeitzeugenveranstaltung. Eingeladen waren Maurice Cling und Max Tzwangue, die extra aus Frankreich gekommen waren.

Maurice Cling ist Überlebender des Vernichtungslagers Auschwitz. Als sich die Rote Armee Auschwitz näherte kam er mit einem der Todesmärsche nach Dachau und im Februar 1945 mit einem weiteren Todesmarsch nach Mittenwald, wo er schließlich von den Alliierten befreit wurde. Heute ist er aktiv im französischen Verband der Deportierten, Internierten und Widerstandskämpfer und kritisierte vor allem den heutigen Umgang mit dem Nationalsozialismus. Er betonte, dass er nicht bereit sei sich auf der Basis von Vergessen der Vergangenheit mit Deutschland zu versöhnen. Er berichtete von Bedenken gegenüber der aktuellen Entwicklung, dass alle Opfer des Krieges in eins gesetzt werden, egal ob Wehrmachtsangehörige oder Resistancekämpfer, ob Opfer des Nationalsozialismus oder bei Bombenangriffen getötete Deutsche. „Wir haben Auschwitz zu verantworten und ihr Dresden und Hiroshima“ zitierte er beispielhaft den heutigen Umgang mit der Geschichte und machte damit sehr deutlich, wogegen er und sein Verband antreten.
Max Tzwangue, der als Widerstandskämpfer in der FTP-MOI kämpfte, schilderte seine Motivationen für die Beteiligung an der Resistance. Diese bestand zum einen in dem Ziel, die deutsche Besatzung zu beenden und zum anderen darin, die Bevölkerung zur Aktion und zur Beteiligung am Widerstand zu bewegen. Dementsprechend gehörten Zeitungen und Flugblätter verteilen ebenso zu den Aktionen seiner Stadtguerillaeinheit in Lion, wie Sabotage. Seine Frau Marie-Claude wies auch noch einmal darauf hin, welche Rolle die Frauen für den Widerstand spielten.

Im Anschluss an den ersten Teil folgte ein Gespräch mit Marcella de Negri, die wieder einmal mit ihrem Bruder Enzo aus Italien gekommen war, um die Proteste zu unterstützen. Ihr Vater Francesco de Negri war einer der entwaffneten italienischen Soldaten, die von deutschen Gebirgsjägern auf Kephallonia ermordet wurden. Mit ihm erschossen die Wehrmachtssoldaten über 5000 Angehörige der Division „Acqui“, die sich am 21. und 22. September 1943 bereits ergeben hatten. Marcella erzählte über die Prozesse, die sie als Nebenklägerin gegen die Täter führte. Verurteilt wurde bis Heute keiner von ihnen.

Ein „Stein des Anstoßes“ für Mittenwald.
Höhepunkt der diesjährigen Aktion und Abschluss der nun seit 7 Jahren laufenden Kampagne des AK Angreifbare Traditionspflege gegen das jährliche Gebirgsjägertreffen auf dem Hohen Brendten, sollte die anschließende Denkmalsenthüllung auf dem Mittenwalder Bahnhofsvorplatz sein. Und so enthüllten die vier Zeitzeugen auf der anschließenden Kundgebung das Denkmal, welches der „Arbeitskreis Angreifbare Traditionspflege“ der Stadt Mittenwald zum dauerhaften Geschenk machte. Das Denkmal wurde unterstützt durch die Gemeinde Falzano di Cortona, deren Bürgermeister Dr. Andrea Vignini einen Dankesbrief verfasste. Dieser endet mit den Worten „Mit antifaschistischen Grüßen“. Für einen deutschen Bürgermeister leider undenkbar!

„Das Denkmal stellt die Trauer über die unzähligen Toten des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges in den Mittelpunkt. In der Glasvitrine auf der massiven Metallstele befinden sich Steine und Überbleibsel aus den Ruinen des von Gebirgsjägern am 27. Juni 1944 zerstörten italienischen Ortes Falzano di Cortona, die von der dortigen Gemeinde gestiftet wurden. Die Vitrine trägt die Inschriften:
„In Trauer um die Opfer der Kriegsverbrechen, die im 2. Weltkrieg von Gebirgsjägern der deutschen Wehrmacht in ganz Europa begangen wurden.

In Gedenken an die unter Beteilung der Gebirgstruppe deportierten und ermordeten Jüdinnen und Juden.

In Erinnerung an den Todesmarsch aus dem KZ Dachau, der am 1. Mai 1945 in Mittenwald befreit wurde.

Der Gemeinde Mittenwald gestiftet am 30. Mai 2009 vom AK „Angreifbare Traditionspflege“. Die verwendeten Steine stammen aus dem Ort Falzano di Cortona. Der Ort wurde am 27. Juni 1944 von deutschen Gebirgsjägern zerstört. Nie wieder Krieg – Nie wieder Faschismus.“
(Pressemitteilung vom 30.05.2009 http://keine-ruhe.org/node/125)

Einer der in Falzano di Cortona beteiligten Offiziere war Josef Scheunengraber, der nun in München vor Gericht steht aber bis zum heutigen Zeitpunkt Mitglied des Kameradenkreis der Gebirgsjäger ist.

Die Stadt Mittenwald selbst äußerte sich zu diesem Geschenk nicht. Stattdessen ließ sie es nur wenige Tage später, am 4. Juni, abbauen – schließlich fehlte die Baugenehmigung. Der Abbau dieses Denkmals ist ein Affront gegen die Opfer von Gebirgsjägern in Cortona begangenen Verbrechens, ihren Angehörigen sowie der Gemeinde Cortona. Der „Arbeitskreis Angreifbare Traditionspflege“ dazu: „Wir wollten unserer Kampagne über die Verbrechen der Gebirgsjäger und gegen deren jährliche Traditionsfeier auf dem Hohen Brendten abschließen. Das Denkmal sollte einen dauerhaften Erinnerungsort für die genannten NS-Opfer schaffen. Die Diskussion im Garmisch-Partenkirchner Tagblatt um das Denkmal hat gezeigt, dass die Bevölkerung in der Gemeinde Mittenwald keine Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Gebirgstruppen im Zweiten Weltkrieg wünscht, nicht einmal ein Gedenken an die Opfer der Verbrechen zulassen möchte. Der Abbau des Denkmals von offizieller Seite spricht für sich. […] Unsere internationale Kampagne und Diskussion muss somit fortgesetzt werden.“ (Pressemitteilung vom 04.06.2009 http://keine-ruhe.org/node/131)

NS-Täter verurteilen – NS-Opfer entschädigen!
Nach einer Demonstration durch die Innenstadt Mittenwalds, auf der auf die Verbrechen der Gebirgsjäger aufmerksam gemacht die Verurteilung der Täter sowie die Entschädigung der Opfer gefordert wurden, gab die Hip-Hop-Band „Microphone Mafia“ zusammen mit der Band „Coincidence“ (Gründerin ist die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano, mit dabei sind Edna sowie Joram Bejarano) zum Ende des Tages ein Open Air Konzert auf dem Bahnhofsvorplatz.

Die Veranstaltung war ein würdiger Abschluss der Kampagne gegen die Gebirgsjäger-Treffen in Mittenwald. Sie hatte nicht nur Auswirkungen auf das Gebirgsjäger-Treffen, sondern thematisierte ähnliche Treffen auch in anderen Orten. In vielen Regionen wurden ehemalige NS-Verbrecher an die Öffentlichkeit gebracht und die fehlenden Prozesse kritisiert.

Seit 2006 beteiligen sich auch AntifaschistInnen aus Sachsen an den Protesten und haben dazu beigetragen, dass die Verbrechen der beiden – in Italien verurteilten – Männer Alfred Concina und Kurt Spieler bekannt wurden (attenzione Pirna/ 24. Ausgabe Dezember 2007). Wir danken den Initiatoren der Veranstaltung in Mittenwald und hoffen weiterhin die Aktionen unterstützen zu können.

Was fehlt hier?

Ein Denkmal für Mittenwald in Erinnerung an die Verbrechen der Gebirgsjäger!

Bilder gibt es unter: http://kulturhaus-pirna.de/akubiz/modules/myalbum/photo.php?lid=1194&cid=133 und eine gute Presseschau plus weitere Informationen unter: www.keine-ruhe.org